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Inkunabeln

Die Wissenschaftliche Bibliothek Olmütz (VKOL) besitzt ungefähr 2000 Inkunabeln oder Drucke, die bis Ende des Jahres 1500 herausgegeben wurden. Der Terminus Inkunabel oder Wiegendruck stammt aus dem lateinischen cunabula (auf Deutsch Wiege), also incunabula heft Druck in der Wiege.Augustin Käsenbrod: De secta Waldensium. Olmütz, Konrad Baumgarten, 1500. Titelblatt

Das Los der Sammlung der Inkunabeldrucke zeichnet die Geschichte des ganzen Bibliotheksfonds nach. Die Grundlage der heutigen Sammlung bilden konfiszierte Werke, die aus mährischen Jesuitenkollegs nach der Auflösung des Ordens im Jahr 1775 nach Olmütz überführt wurden. Die spätere Erweiterung des Materials hängt mit der Auflösung der Klöster unter Josef II. in den 80er Jahren des 18. Jahrhunderts zusammen, als 34 Bibliotheken auf diese Art betroffener mährischer und schlesischer Klöster gleichfalls in der Olmützer Universitätsbibliothek konzentriert wurden.

Aus geographischer Sicht überwiegen ebenso wie in den meisten böhmischen Bibliotheken Produktionen deutscher Druckereien; 47 % aller Inkunabeldrucke stammen aus dem heutigen Deutschland, 22 % sind Drucke italienischer Druckereien, 18 % kommen aus dem Gebiet des heutigen Frankreichs und etwa 10 % aus der Schweiz. Die übrigen zwei Prozent sind Drucke aus Belgien, den böhmischen Ländern, Österreich und Polen. Auf der sprachlichen Seite ist eine erdrückende Mehrheit der Olmützer Inkunabeln in Latein, der zeitgemäßen Sprache der
Gebildeten. Nur 33 Drucke sind in Deutsch, 6 in Tschechisch, einer in Italienisch und einer in Griechisch.


Von den 69 bekannten Inkunabeln tschechischen Ursprungs verwahrt die VKOL 12 Werke. In 3 Fällen handelt es sich um Weltunikate. Es handelt sich um drei Brünner Drucke: Statua synodalia ecclesiae Olomucensis aus dem Jahre 1498, einen Almanach des Jahres 1492, gedruckt 1491, und Ars minor des römischen Grammatikers Aelius Donatus, gedruckt im Jahr 1491. Alle drei Unikate stammen aus der Werkstatt von Konrad Stahel und Matthias Preinlein.
Johannes de Ketham: Fasciculus medicine. Venedig, 1491. Anatomie der Frau
Die VKOL besitzt ebenfalls alle drei bekannten Olmützer Inkunabeln. Die Stammen aus den Jahren 1499 und 1500. Es handelt sich um Quaestio fabulosa recitata – lateinisches satirisches Schriftstück von Johann Schramn, Planctus ruinae ecclesiae – lateinisch-deutsche Verse des Dichters und Musikers Johann Fabri und das Traktat De secta Waldensium – von Augustin Käsenbrod. Der Druck ist einem berühmten Bruder gewidmet, dem Arzt Jan Černý, mit dem Ziel, ihn von seinem Glauben abzubringen.

Die meisten Inkunabeln sind auf Papier gedruckt, nur ausnahmsweise entdeckt man Drucke auf haltbarerem, aber unvergleichlich teurerem Pergament. Von der Kostbarkeit des Pergamentdruckes zeugt zum Beispiel das Olmützer Messbuch aus dem Jahre 1488. Das Messbuch wurde beim Bamberger Drucker Johann Sensenschmidt in einer Gesamtauflage von 420 Exemplaren gedruckt. 400 davon wurden auf Papier gedruckt, die restlichen 20 dann auf Pergament. Die VKOL besitzt zwei Exemplare, eines auf Papier gedruckt und eines von den zwanzig pergamentenen, insgesamt sind im Bestand der Bibliothek fünf Inkunabeldrucke auf Pergament.

Inhaltlich überwiegen in den Olmützer Inkunabeln theologische Bücher. Vertreten sind natürlich auch ärztliches Schriftgut, Werke antiker Autoren, Grammatikbücher, Kalender, mathematische und astronomische Schriften, Chroniken, Festansprachen und andere.

Aus der zeitgenössischen Literatur sollte ohne Zweifel das weltberühmte satirische Dichterwerk Narrenschiff erwähnt werden. Dessen Autor ist der Straßburger Humanist Sebastian Brant, der in seinem bekanntesten Werk die verschiedensten menschlichen Schwächen und Untugenden anprangert (in der VKOL sind drei verschiedene Ausgaben mit Holzschnitzereien).Jean d’Arras: Melusine. Basel, 1476.

Zu den im Mittelalter sehr beliebten und wiederholt herausgegebenen Werken gehören das Pflanzenbuch Hortus sanitatis oder Gart der Gesundheit, dessen Urheberschaft dem Stadtarzt in Mainz und Frankfurt, Johann von Knaub, zugeschrieben wird. Das reich illustrierte Pflanzenbuch stellte das zu seiner Zeit umfangreichste Handbuch über Heilpflanzen, aber auch Heilsubstanzen aus der Mineral- und Tierwelt dar. Die VKOL verwahrt eine aus der Mainzer Druckereiwerkstatt Peter Schöffers stammende Erstausgabe aus dem Jahre 1485, die zwar noch nicht so viele Illustrationen wie die späteren Ausgaben enthält (siehe weitere vier Exemplare in der VKOL), aber trotzdem finden wir hier respektable 368 Holzschnitte, die in überwiegender Mehrzahl Pflanzen zeigen.

Zu den interessanten Inkunabeln gehört auch die erste lateinische Ausgabe der Schrift Fasciculus medicine von Johannes de Ketham, 1491 gedruckt von den Gebrüdern Gregoriis in Venedig. Hier handelt es sich um das überhaupt erste gedruckte anatomische Buch, das ein setr häufiges Hilfsmittel im Medizinunterricht war. Wahrscheinlich können wir Ketham nicht als Autor bezeichnen, sondern eher als Besitzer einer älteren Handschrift, die Grundlage für den späteren Druck wurde.

Eine beachtenswerte Inkunabel ist die erste auf Deutsch gedruckte Ausgabe von Boccaccios Werk Von etlichen Frowen (De claris mulieribus), biographische Porträts berühmter Frauen (z. B. die biblische Eva, die Dichterin Sapho, die schöne Helena, Kleopatra u.a.). Das im Jahre 1473 herausgegebene Buch der Ulmer Druckerei von Johann Zainer aus Reutlingen, der es um 96 Holzschnitte ergänzte, übersetzte der Humanist Heinrich Steinhöwel aus dem lateinischen Original. Den Wert des Olmützer Exemplars erhöht die Tatsache, dass alle Holzschnitte koloriert sind.

Zu den traditionellen, aber allgemein geschätzten Inkunabeln gehört noch die Chronik des Nürnberger Arztes und Humanisten Hartmann Schedel – Liber chronicarum, zum ersten Mal vom Nürnberger Drucker Anthonius Koberger im Juli 1493 herausgegeben. Schedel fasst darin die Weltgeschichte von der Schöpfung bis zur Gegenwart des Autoren zusammen. In dem Text, der mit einer unerschöpflichen Anzahl hochwertiger Holzschnitte ausgeschmückt ist, durchdringen sich Legenden, Traditionen und die Phantasie des Autors mit den neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen.Giovanni Boccaccio: De claris mulieribus. Ulm,Johannes Zainer de Rutlingen, 1473. - Antonius a Kleopatra

Als sehr wertvolle Inkunabel kann man das Werk Jean d’Arras Melusine aus dem Jahr 1476 bezeichnen. Dieser Baseler Druck mit vielen handkolorierten Holzschnitten enthält eine Kurzform der Erzählung über Melusine, die sagenumwobene „Urgroßmutter“ der Familie Lusignan, Luxemburg und Valois. Die Geschichte ist voller magischer Zauber, blutiger Kämpfe und Verwandtschaftsmorde. Die Urschrift wurde in den Jahren 1387–1394 auf Bestellung der Enkel des böhmischen Königs Johann von Luxemburg niedergeschrieben; das waren Jean de Berry und sein Cousin, der mährische Markgraf Jošt. Die Angehörigen bedeutender Geschlechter ließen für sich die Geschichte über Melusine abschreiben und sie mit kostbaren Umschlägen sowie Verzierungen versehen, einschließlich herrlicher Illuminationen. Die beliebte Erzählung über Melusine beeinflusste unter anderem auch die volkstümliche Ausdrucksweise. In den böhmischen Ländern pfeift Melusine vor Unwettern in den Schornsteinen und die Bäuerinnen werfen ihr eine Handvoll Mehl oder Salz aus den Fenstern zu, damit sie ihren Kindern daraus einen Brei macht und keinen Schaden anrichtet.

Inkunabeln sind den interessierten Forschern im Lesesaal des historischen Fonds der VKOL zugänglich. Inkunabeln böhmischen Ursprungs wurden in Zusammenarbeit mit der Nationalbibliothek der ČR digitalisiert und stehen in der digitalen Bibliothek des historischen Fonds (http://dig.vkol.cz) und der internationalen digitalen Bibliothek Manuscriptorium (http://www.manuscriptorium.com) zur Verfügung.

: 29.05.2013Bookmark and Share
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